Die Frühzeit
Schachfiguren üben seit jeher eine ganz eigene Faszination aus, die weit über das eigentliche Spielgeschehen hinausreicht. Sie sind weit mehr als kunstvoll gearbeitete Holzskulpturen unterschiedlicher Größe; sie sind lebendige Symbole. Sie spiegeln eine vergangene Welt mit ihren kriegerischen Konflikten und sozialen Hierarchien wider und beflügeln die Fantasie über historische Heere und epische Schlachten.
Diese Figuren berühren uns in vielerlei Hinsicht: Sie faszinieren als handwerkliche Kunstwerke und wecken zugleich die Neugier auf jene Epochen, in denen das königliche Spiel seine Wurzeln schlug. Ihre über tausendjährige Wandlung nachzuvollziehen bedeutet, die Geschichte des Schachs selbst zu durchschreiten – von ihren archaischen Ursprüngen bis zu den meisterhaften Formen, mit denen wir heute am Brett agieren.
Das Schachspiel begann tatsächlich als Abbild des realen Kriegswesens. Historiker gehen davon aus, dass es aus dem altindischen Spiel Chaturanga hervorging, das im 7. Jahrhundert im Norden Indiens florierte. Der Begriff Chaturanga bezeichnete die vier traditionellen Heeresgliederungen des antiken Indiens. Wie das moderne Schach wurde es mit Figuren unterschiedlicher Zugkraft gespielt: Raja (König), Mantri (Berater oder Wesir), Gajah (Kriegselefant), Ashva (Kavalleriepferd), Ratha (Streitwagen) und Padati (Fußsoldat).
Über Handelswege gelangte Chaturanga nach Persien und wurde dort als Chatrang bekannt. Dabei passten sich die Bezeichnungen der Figuren dem persischen Sprachraum an: Der Raja wurde zum Schah, der Mantri zum Wazir, der Gajah zum Pil, der Ashva zum Asp, der Ratha zum Rokh und der Padati zum Piadeh. Jeder Schachspieler weiß, dass der Begriff „Schachmatt“ auf den persischen Ausruf „Schah Mat“ zurückgeht, was wörtlich bedeutet: „Der König ist hilflos“ oder „Der König ist tot“.
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| Elfenbeinerne Chatrang-Figuren aus Samarkand (Usbekistan), datiert auf etwa 760 n. Chr. Die linke Figur stellt vermutlich den Elefanten (Pil) dar, die rechte das Pferd (Ashva). |
Nach der islamischen Eroberung Persiens bürgerte sich der arabische Name Schatrandsch für das Spiel ein. In der islamischen Welt veränderten die Figuren ihr Erscheinungsbild grundlegend: Da die figürliche Abbildung von Lebewesen als Götzendienst galt, verzichtete man auf realistische Darstellungen. Die arabischen Figuren nahmen stilisierte, abstrakte Formen an, behielten jedoch die typischen Größenproportionen bei. Sie wurden überwiegend aus Ton oder Stein anstelle von kostbarem Elfenbein gefertigt. Diese schlichte Produktionsweise trug maßgeblich zur rasanten Verbreitung des Spiels bei.
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| Figuren des Schatrandsch, der islamischen Ausprägung des Spiels. Die Formen sind bewusst abstrakt gehalten, um dem religiösen Bilderverbot zu entsprechen. |
Über weitverzweigte Handelsrouten und im Zuge der Ausdehnung der arabischen Welt gelangte das Spiel in alle Teile Asiens und Europas. Im fernen Osten entstanden eigenständige Verwandte wie Shogi in Japan oder Xiangqi in China.
Auf seinem Weg nach Westen erlebte das Schachspiel jedoch die tiefgreifendste Metamorphose. Über Nordafrika brachten die Mauren das Spiel auf die Iberische Halbinsel. Durch dieses Tor gelangte das Schachspiel ins europäische Kernland.
Die europäischen Völker nahmen das Spiel begeistert auf und transformierten die orientalischen Figuren in Gestalten ihrer eigenen feudalen Gesellschaft. Da sich die mittelalterlichen Kulturen stark unterschieden, erfuhren mehrere Figuren eine Neudeutung: Aus dem Berater (Wesir) wurde die Dame, und der in Europa unbekannte Kriegselefant (Pil) verwandelte sich in den Läufer (im Englischen Bishop, Sinnbild der Kirche).
Zugleich revolutionierten die Europäer die Schachregeln. Sie führten Sonderzüge wie die Rochade und das Schlagen en passant ein, weiteten den Wirkungsradius des Läufers aus und machten die Dame zur mächtigsten Angriffsfigur auf dem Brett. Das Spiel gewann dadurch enorm an Dynamik und Tempo und entwickelte sich bis zum 16. Jahrhundert zu jener Form, die wir heute kennen.
Das berühmteste mittelalterliche Schachfigurenensemble – und für viele das schönste Zeugnis romanischer Schnitzkunst – sind die Lewis-Schachfiguren. Sie wurden 1831 auf der schottischen Isle of Lewis entdeckt und stammen aus dem 12. Jahrhundert. Geschnitzt aus Walrosselfenbein und Walzähnen, weisen sie eindeutig skandinavische Züge auf und wurden vermutlich in Norwegen oder Island gefertigt. Sie bieten eine unübertroffen detailreiche Darstellung der hochmittelalterlichen Gesellschaft mit König, Königin, Bischof, Ritter und Fußsoldat.
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Die 1831 in Schottland entdeckten Lewis-Schachfiguren, die heute im British Museum in London ausgestellt sind.
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Die Standardisierung der Figurenformen
In den folgenden drei Jahrhunderten wandelte sich Schach in Europa vom exklusiven Zeitvertreib des Hochadels zum beliebten Spiel des Bürgertums. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde Schach in den Salons und Kaffeehäusern aller europäischen Metropolen eifrig praktiziert.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg das öffentliche Interesse derart an, dass erste internationale Wettkämpfe der besten Meister organisiert wurden. 1834 fand in London das legendäre Duell zwischen dem Franzosen Louis-Charles Mahé de La Bourdonnais und dem Iren Alexander McDonnell statt. Zu jener Zeit konkurrierten vor allem vier klassische Figurenmuster: St. George, English Barleycorn, Northern Upright und das französische Régence-Set.
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| Populäre historische Figurendesigns vor der Staunton-Ära. Von oben nach unten: St. George, English Barleycorn, Northern Upright und French Régence. |
Obwohl diese Modelle weit verbreitet waren, erwiesen sie sich im Turnierschach als unpraktisch: Viele Figuren waren kopflastig, kippten leicht um, unterschieden sich optisch zu wenig voneinander oder brachen bei intensiver Nutzung ab. Es fehlte ein schlichtes, robustes und klar differenziertes Design.
Die Antwort folgte im Jahr 1849, als der Engländer Nathaniel Cook ein patentiertes Design entwarf, das von der traditionsreichen Londoner Manufaktur Jaques of London gefertigt wurde. Das Design erfüllte alle praktischen Anforderungen: Es war elegant, unverkennbar in den Silhouetten, standfest und verzichtete auf bruchanfällige Verzierungen. Zudem eignete es sich hervorragend für die Serienfertigung.
Durch die offizielle Empfehlung von Howard Staunton, dem damals stärksten Spieler der Welt, wurde das Set zu einem durchschlagenden Erfolg. Die Schachwelt nahm den Entwurf begeistert auf, und seine überragende Funktionalität machte ihn binnen kurzer Zeit zum weltweiten Turnierstandard.
Dieses von Nathaniel Cook geschaffene Muster ging als Staunton-Design in die Geschichte ein. Der Urtyp aus dem Jahr 1849 gilt bis heute als Meilenstein und Vorbild aller modernen Turnierschachsätze.
Heute schreiben die Richtlinien des Weltschachbundes (FIDE) für offizielle Wettkämpfe ausnahmslos Figuren im Staunton-Design vor, standardmäßig mit einer Königshöhe von etwa 9,5 cm (3,75 bis 4 Zoll) und einem Sockeldurchmesser von 40 bis 45 Prozent der Höhe.
Ikonische Schachsets der Geschichte
Seit 1849 haben Kunsthandwerker und Drechsler das Staunton-Thema auf vielfältige Weise interpretiert. Unter Einhaltung der FIDE-Vorgaben sind bemerkenswerte Ensembles entstanden, die höchste Funktionalität mit bestechender Ästhetik verbinden. Hier sind einige der berühmtesten Modelle:
1. Die klassischen Jaques-Sets
Als Schöpfer des ersten Staunton-Satzes gilt Jaques of London bis heute als Goldstandard der Figurenherstellung. In den Jahrzehnten nach dem Debüt von 1849 brachte die Manufaktur immer wieder verfeinerte Versionen heraus, die heute gesuchte Sammlerstücke von beträchtlichem Wert darstellen.
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| Jaques „Anderssen“ von 1860 | Jaques „Marshall“ von 1925 |
2. Die sowjetischen Schachsets
In der Sowjetunion genoss das Schachspiel staatliche Förderung als Instrument intellektueller Disziplin. Sowjetische Figuren zeichnen sich oft durch schlanke, funktionale Linien ohne überflüssiges Beiwerk aus – eine Widerspiegelung der pragmatischen Ästhetik jener Epoche. Gleichzeitig bieten sie eine erstklassige Handhabung am Brett.
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| Das Botwinnik-Flohr-Set | Das Großmeister-Set | Das lettische Set |
3. Die historischen Gedenksets
Einige Figuren wurden eigens für bedeutende Wettkämpfe geschaffen und erlangten dadurch Weltruhm. Zu den bekanntesten zählen:
4. Reines Arbeitsgerät für Turniere
Manche Entwürfe wurden kompromisslos auf Praxistauglichkeit getrimmt und erlangten gerade durch ihre Schlichtheit zeitlose Popularität.
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| Das französische Lardy-Set | Meisterhafte Replik von Royal Chess Mall |
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| Das German Knight-Set | Detailgetreue Replik von Royal Chess Mall |
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| Das Pinney-Set | Detailgetreue Replik von Royal Chess Mall |
Die Geschichte der Schachfiguren wird fortgeschrieben, solange Schach gespielt wird – und die schöpferische Handwerkskunst wird auch in Zukunft neue faszinierende Kapitel hinzufügen.
Royal Chess Mall
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